So kann man die Preisträger der diesjährigen Verleihung erstaunlich nüchtern erfassen. "Crash" und "Brokeback Mountain" holen beide drei Oscars, jeweils einen der beiden großen (Film bzw. Regie), einen Drehbuch- und einen Technik-Preis (Schnitt bzw. Filmmusik). Die Ausstatter-Preise (Beste Ausstattung, Beste Kamera, Beste Kostüme) gehen an "Die Geisha" und die Technik-Oscars an King Kong (Beste Visuelle Effekte, Bester Sound, Bester Sound-Schnitt). Und in den Darsteller-Kategorien gibt es ebenso wenig Überraschungen: Gleich zu Anfang der Show bekommt George Clooney einen Nebendarsteller-Oscar für seine Rolle in "Syriana" und bemerkt daraufhin selbst, dass es das mit dem Regie-Preis wohl gewesen sein dürfte.
Rachel Weisz siegt verdient bei den weiblichen Nebendarstellern für ihre Darstellung in der unterbewerteten Le Carré-Verfilmung "Der ewige Gärtner". Waren diese beide Kategorien zumindest noch einigermaßen offen, konnten die beiden Hauptdarsteller-Kategorien dann ganz ohne Aufsehen hinter sich gebracht werden. Philip Seymour Hoffman nimmt verdientermaßen die Trophäe für "Capote" entgegen und Reese Witherspoon für den Johnny Cash Film "Walk the Line". Dass Witherspoons Filmpartner Joaquin Phoenix, der nach monatelanger Vorbereitung für den Film wahrhaftig zu Johnny Cash wurde, leer ausging, ist wohl einfach das Pech, in diesem Jahr der Konkurrenz der ersten großen Hauptrolle für Philip Seymour Hoffman ausgesetzt zu sein, dem mit Abstand besten Schauspieler Hollywoods. Den begehrten Regie-Preis holte sich dann Ang Lee für sein traumhaftes Liebes-Drama "Brokeback Mountain". Diskussionen wird es in diesen Kategorien wohl keine geben.
Umso heftiger wird dafür über die Frage diskutiert werden, warum "Brokeback Mountain" nicht auch zum Besten Film gewählt wurde. Dabei ist die Antwort so einfach: Weil "Crash" der intelligentere, innovativere und bessere Film ist. "Brokeback Mountain" erzählt eine wunderschöne Liebesgeschichte in leichten Bildern und überzeugt durch Inszenierung und seine Darsteller auf ganzer Linie - ein Oscar in der wichtigsten Kategorie wäre ebenfalls nachvollziehbar gewesen. Doch schon vor der Verleihung wurden Experten-Stimmen laut, die vermuteten, das Western-Drama könnte mit dem Regie-Oscar an Ang Lee abgespeist werden und dafür beim Besten Film leer ausgehen. Und dann wäre die Sache klar: "München" ist viel zu schwach für einen gro§en Oscar, "Good Night, and Good Luck" ist ein um einiges besserer Film, aber zu unspektakulär für den Sieg und "Capote" lebt zu sehr von seinem Hauptdarsteller, um auch noch als Gesamtwerk ausgezeichnet zu werden.
Was bleibt ist "Crash", das Episodendrama um Rassismus in L.A. von Paul Haggis, das jetzt also tatsächlich den Titel "Bester Film des Jahres 2005" trägt - und das völlig zurecht. Haggis’ Film zeigt 36 Stunden in Los Angeles aus der Sicht von völlig unterschiedlichen Personen und nähert sich dem Thema Rassismus dabei auf so vielschichtige Art und Weise, dass man nach dem Kino-Besuch tatsächlich noch lange nachdenkt. Die Geschichte von "Crash" ist meisterhaft konstruiert und der auf der Leinwand begeistert das Drama durch erschreckend intensive Szenen - ein Film nur mit Nebendarstellern, die jeder für sich eine großartige Leistung abliefern und eine exakte Zustandsbeschreibung einer Gesellschaft im Ausnahmezustand präsentieren.
So wird auch diese Oscar-Verleihung nicht in die Annalen der Filmgeschichte eingehen. Kein Film sticht wirklich hervor, denn ganze vier Filme teilen sich jeweils drei Oscars, es gibt keinen Michael Moore mehr, der laut "Shame on you, Mr. Bush" ruft und auch die Moderation war schon mal um einiges scharfzüngiger als die von Mr. Stewart in der letzten Nacht – die war zwar oft ganz lustig, aber selten originell. Sein Seitenhieb gegen Oscar-Preisträger Russell Crowe, der offensichtlich sauer war diesmal nicht selbst nominiert zu sein und seine Präsentation mehr als runterleierte, war da noch am amüsantesten. Stewart wunderte sich, warum "Cinderella Man", der Film, in dem Crowe einen Boxer zur Zeit der Repression darstellt, in der Kategorie Make-Up übergangen wurde, wenn man überlegt, wieviel Talent es erfordert, Russell Crowe so aussehen zu lassen, als wäre er in eine Schlägerei geraten.
Ein paar Momente bleiben dennoch haften: Ein Ehren-Oscar für das Lebenswerk von Robert Altman, nachdem die Academy ihn ein Leben lang ignoriert hat und endlich die verdiente Auszeichnung für Philip Seymour Hoffman, der seit Jahren in jeder seiner Rollen - und sei sie noch so klein - glänzt. Gut aufgelegte "Presenter" wie Meryl Streep und Lily Tomlin im Duett oder Dustin Hoffman, der spontan den diesjährigen Verlierern seinen Respekt zollt. Das Zitat des Abends war dann kein flotter Spruch des Gastgebers, kein intelligenter Gedanke eines Preisträgers, sondern die nüchterne Erkenntnis von Jack Nicholson: "And the Oscar goes to... Crash!"