(MPeX.net/TK - 07.03.2006) -Der Crash kam zum Schluss
"Wo kommen auf einmal all die guten Filme her?", mag sich manch deutscher Zuschauer bei der Oscar-Verleihung 2006 gedacht haben, wirkte das letzte Kinojahr hierzulande doch eher trist. Der diesjährige Oscar-Jahrgang war dagegen einer der mit Abstand stärksten der letzten Jahre - und dass die meisten nominierten Filme gerade oder demnächst in Deutschland laufen, entschädigt etwas für die Tristesse der letzten Monate. Das schwule Western-Drama "Brokeback Mountain", der Episodenfilm "Crash", Bennett Millers gefeierter Film über den Schrifsteller Truman "Capote", George Clooneys Schwarz-Weiß-Studie über die Kommunistenhetze der 50er Jahre "Good Night, and Good Luck", das Johnny Cash Bio-Pic "Walk the Line" oder auch die John Le Carré Verfilmung "The Constant Gardener" (Der ewige Gärtner) - alles tolle Filme, unter denen die Academy of Motion Picture Arts and Science die besten Leistungen auszeichnen musste. Die Moderation der Verleihung übernahm zum ersten Mal der Comedian Jon Stewart und Hollywood bereitete sich mal wieder auf einen Abend voller Glamour, tränenreichen Dankesreden und skandalösen Überraschungen vor.
Der deutsche Zuschauer, der auch dieses Jahr wieder auf die Übertragung bei Pro7 angewiesen war, kämpfte sich durch eine Stunde Interviews am Roten Teppich, in denen es wie immer ausschließlich um die Frage ging, in welchen Luxus-Kleidern sich die Diven Hollywoods diesmal für ihre doch so politischen und gesellschaftskritischen Filme feiern lassen, und dankte dem Himmel dafür, dass der deutsche Sender in diesem Jahr komplett die Übertraung aus den Staaten übernahm, ohne Anke Engelke auf dem Roten Teppich, ohne Susan Atwell und ohne Miriam Pielhau in den Werbeunterbrechungen. Um 2 Uhr begann dann die Verleihung selbst und vier Stunden später ging man doch überwiegend enttäuscht ins Bett. Dass es nicht gelang, die Show der Qualität der nominierten Filme anzupassen, lag an den teilweise sehr vorhersehbaren Siegern, am politischen Maulkorb, den Moderator Jon Stewart anscheinend verhängt bekommen hatte und an wenig inspirierten Einspielern und Dankesreden.
Der mehrfache Academy Award Preisträger Jack Nicholson war es schließlich, der den noch nicht eingeschlafenen Zuschauern doch noch eine echte Überraschung präsentierte. Um 5:25 deutscher Zeit verkündete er, dass der Preis für den Besten Film des Jahres 2005 an "Crash" (L.A. Crash) geht - nicht wie an den mitunter schon als sicheren Sieger gehandelten "Brokeback Mountain". Der große Favorit konnte letztendlich in nur drei Kategorien die begehrte Trophäe holen - bei acht Nominierungen. Seitdem laufen die Analysen auf Hochtouren und man fragt sich, ob das Thema von "Brokeback Mountain" - die Liebesgeschichte zweier schwuler Cowboys - der Academy doch zu gewagt für einen Bester-Film-Oscar war. Spiegel Online will sogar die ganze Verleihung unter dem Zeichen der Feigheit Hollywoods gesehen haben und vermutet beispielsweise, dass Steven Spielbergs "München" nur leer ausgegangen ist, weil das Thema Terrorismus in den USA zur Zeit zu heikel ist.
Gerade letztere These beweist wieder einmal, wie einfach es ist, an den jährlichen Entscheidungen herumzunörgeln und dass es die Academy den Feuilleton-Schreibern wohl nie rechtmachen wird. Bei allen Diskussionen um kontroverse Themen in Filmen und Tabubrüche, sollte man eines nicht vergessen: Es geht bei der Oscar-Verleihung immer noch um Filme. "München" ist mit Sicherheit nicht wegen des "heiklen Themas" - so mutig ist Spielbergs Film nun wirklich nicht - übergangen worden, sondern weil er der mit Abstand schwächste Film unter den fünf nominierten Beiträgen ist und in keiner der Kategorien, für die er nominiert war, einen Oscar verdient gehabt hätte. Dass Good Night, and Good Luck - George Clooneys Drama über den TV-Journalisten Murrow, der 1954 die Methoden von Kommunistenjäger Senator McCarthy anprangerte - am Ende auch leer ausging, hat dafür weder etwas mit der Brisanz des Themas noch mit der Qualität des Films zu tun, sondern schlichtweg damit, dass in den jeweiligen Kategorien in diesem starken Jahrgang andere Filme besser waren. Die Academy jedenfalls hat schon weitaus zweifelhaftere Entscheidungen getroffen als in diesem Jahr.